Veröffentlicht am 31. März 2026
Vor knapp 10 Jahren sprachen im Büro plötzlich alle über Crypto. Gelesen hatte ich davon, tiefer damit beschäftigt bis dahin noch nicht. Also versuchte ich mir, einen Reim darauf zu machen. Ich las Artikel um Artikel und sah mir YouTube-Videos von begeisterten Menschen an, die wahlweise Katasterämter oder gleich das gesamte Weltwährungssystem im Umbruch wähnten. Ich schaute mir die darunterliegende Technologie an und verstand Stück für Stück mehr, wie es funktionierte. Was ich nicht verstand, war, woher die Begeisterung kam und wie das Ganze mit der (politischen) Wirklichkeit kompatibel sein sollte. Mein Eindruck: Am Ende alles eine nette Idee, in der Umsetzung jedoch mehr Scam als Revolution.
Ein bisschen kommen diese Vibes bei mir gerade wieder hoch, in Verbindung mit agentischer KI. Disclaimer: Ja, die Entwicklungskurve der Modelle geht steil nach oben und es ist gut möglich, dass meine Bedenken schon in wenigen Wochen hinfällig sein werden. Ja, KI ist ein nützliches Tool. Ja, bestimmte Bereiche werden damit revolutioniert, mein eigenes Berufsfeld vorneweg. Und ja, ich nutze es jeden Tag. Insofern: Nein, KI ist anders als Crypto kein Scam und es hat realen Nutzen. Aber ist der Nutzen so groß, dass er "White Collar"-Berufe umwälzen wird wie nichts vor ihm? Da habe ich meine Zweifel.
Nachdem ich gerade einen ungenutzten Mac und etwas Zeit übrig habe, habe ich mir endlich mal angeschaut, was Open Claw tut und kann. Mit Claude Cowork habe ich vor Wochen schon mal (recht erfolglos) experimentiert. Ich habe gelesen, mir Vorträge auf YouTube angeschaut, begeisterte Leute nach ihren nicht-technischen Anwendungsfällen gefragt. Ergebnis: Nicht viel. Jedenfalls nicht viel neben "Coding", was sich auch mit Codex, Claude Code et al. lösen lässt.
Hier und da automatisieren Leute Sachen weg, lassen sich irgendwelche Dinge zusammenfassen oder Berichte schreiben. Per Cron Job getriggerte Morning Briefings etwa. Ok, nett. Aber wenn es hart auf hart kommt, also bspw. ums automatisierte Beantworten von E-Mails oder das Verfassen von Social-Media-Posts geht, ist die Aussage immer: Lass mal lieber, zu riskant das autonom laufen zu lassen. Was mich nicht überrascht, denn generative KI bleibt eine Slot-Maschine. 80 % sind super auf den Punkt, 20 % regelmäßig Müll. Manchmal ist das Verhältnis auch 98/2, oder eben auch 50/50. Je nach Modell, Konfiguration, Prompt und Stand der Sonne.
Wer zuverlässige Ergebnisse braucht, für den passt das noch nicht. Jedenfalls nicht ohne menschliche Kontrolle und Aufsicht und am Ende auch Auswertung. Insofern lassen sich stupide Aufgaben damit sicher zu einem großen Stück automatisieren, aber man sollte als Anwender nicht nur ein Auge drauf haben, sondern im Zweifel auch wissen, was das Ding tut und Fehler erkennen und korrigieren können.
Der ganze Hype rund um ganze Firmen, die möglicherweise bald rein auf agentischer KI statt Menschen laufen werden, scheint mir daher zumindest etwas verfrüht, wenn nicht gar verfehlt. Das ist, wie geschrieben, eine – meine – Momentaufnahme. Möglich, dass sich hier noch etwas bewegt. Aber falls nicht, wird es vor allem eines bleiben: ein mächtiges Werkzeug, kein vollständiger Ersatz für Menschen.